Kurzgeschichte: Der Bug im Morgengrauen

Die Neonröhren des Büroblocks flackerten unheilvoll, ein stummer Rhythmus, der mit Sven’s Herzschlag synchron war. Es war 3:17 Uhr morgens, und der Bildschirm seines Laptops leuchtete in seiner dunklen Ecke wie ein kleines, unaufhaltsames Fieber. Sven, ein Senior Developer bei „BugByte Studios„, war seit über 48 Stunden wach.

Es hatte mit einem kleinen Fehler in der neuesten Version der Kunden-App begonnen – ein kniffliger, scheinbar unlösbarer Fehler, der sich wie ein Virus durch den Code fraß. Er hatte es gestern Abend versucht, ihn zu fixen. Dann hatte er eine weitere Änderung vorgenommen, um ein Problem mit der Datenbank zu beheben, und plötzlich war der ursprüngliche Fehler wieder da, schlimmer noch, mit einem neuen, unerklärlichen Nebenprodukt.

Er hatte Kaffee getrunken – fünf Tassen. Er hatte einen Energiedrink probiert, der ihn nur in eine kurzlebige, schmerzhafte Halluzination stürzte, in der die Zahlen auf seinem Bildschirm tanzten. Er hatte versucht, sich mit seinen Kollegen zu unterhalten, aber jedes Gespräch über die neuesten Frontend-Frameworks und Agile-Methoden fühlte sich an wie eine weitere Schallplatte, die er wiederholt hörte.

Er tippte fieberhaft, überprüfte den Code Zeile für Zeile, analysierte Logdateien, konsultierte Stack Overflow und schrie innerlich vor Frustration. Die App war für morgen früh zur Markteinführung vorgesehen und dieser eine, kleine Fehler, der sich in einem unaufhaltsamen Kreislauf verstärkte, drohte, den gesamten Prozess zu sabotieren.

Plötzlich starrte er auf einen ungewöhnlichen Fehler in der Debugging-Konsole. Ein kleiner, verirrter Aufruf. Es war minimal, fast unmerklich, aber er erkannte, dass er versehentlich eine Variable in einem anderen Modul überschrieben hatte. Ein einfacher, menschlicher Fehler.

Sven seufzte, ein erleichtertes Lachen entfuhr ihm. Er korrigierte den Fehler, setzte die App zurück und klickte auf „Build„. Ein grünes Licht.

Er schloss den Laptop, die Neonröhren schienen jetzt etwas freundlicher. Die Müdigkeit kroch in seinen Knochen, aber es war keine demotivierende Müdigkeit. Es war die Müdigkeit des Überlebens, der erfolgreichen Tötung eines digitalen Monsters.

Als er sich auf den Weg nach Hause machte, dachte Sven: „Nächstes Mal, wenn ich eine Nacht nicht schlafen kann, werde ich einfach einen Kaffee nehmen und anfangen, etwas Neues zu programmieren.



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